Ballhaus West
Raus aus der Agentur – rein ins Leben – und wieder zurück
Bei Ballhaus West hat die Arbeitswoche nur vier Tage. Das steigert Kreativität und Effizienz – und macht die Mitarbeitenden zufrieden.
Bis Friedrich Merz sie wieder aufkochen ließ, war es ruhiger geworden in der Arbeitszeit-Debatte. „Mit Viertagewoche und Work-Life-Balance können wir den Wohlstand nicht erhalten“, sagte der Bundeskanzler im Mai 2025. Zuvor hatten Firmen die klassische 40-Stunden-Woche zunehmend hinterfragt und Alternativen entwickelt – auch in der Kreativ- und Kommunikationsbranche. Die Modelle reichten von der Umverteilung des Workloads auf weniger Tage über zusätzlichen Urlaub bis hin zu weniger Arbeitszeit bei vollem Lohn. Das Ziel: Stresslevel senken und ein gutes Umfeld für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen schaffen – nicht zuletzt ein entscheidender Wert für Arbeitgeber in Zeiten von Fachkräftemangel.
Mittlerweile hat sich die Lage verändert. Im Oktober erreichte die Arbeitslosenquote den höchsten Stand seit Ende 2020. Auch für Kreative und Marketer sind die rosigen Zeiten auf dem Job-Markt vorbei, wie Headhunter berichten. Umso glaubwürdiger ist es, wenn eine Organisation die Idee für eine neue Art des Zusammenarbeitens langfristig und nachhaltig umsetzt. Nicht, um den Zeitgeist zu bedienen und Aufmerksamkeit zu bekommen – sondern aus der tiefen Überzeugung, dass es strukturelle Veränderungen in der Agenturbranche braucht. Unter der Führung der Gründer Imran Ayata und Alice Gittermann hat die Berliner Agentur Ballhaus West vor zweieinhalb Jahren die Viertagewoche eingeführt und damit einen Ort geschaffen, an dem Erwerbsarbeit für die rund 35 Mitarbeitenden offenbar einen neuen Stellenwert bekommt. Mit weniger Stress und mehr Sinn.
„Es geht nicht um die Arbeitszeit an sich“, sagen die Verantwortlichen. „Sondern um effizienteres Arbeiten und mehr Wertschöpfung.“ Strategisch-kreative Arbeit brauche Leben und genügend Möglichkeiten, Einflüsse von außen zuzulassen. Sei es in einer Ausstellung, im Club oder an der Ostsee. „In der eigenen Blase reproduziert man zu oft Gelerntes und Erprobtes.“ Die Lösung von Ballhaus West: Eine Teamstruktur, in der alle jede Woche drei Tage am Stück frei haben, die aber weder die Verteilung der Kompetenzen noch die Erreichbarkeit für Kunden negativ beeinträchtigt. Im Bewusstsein darüber, dass es zunächst ein Test sein sollte, stellte die Agentur die Workflows im Juli 2023 entsprechend um. Trotz sorgfältiger Vorbereitung ruckelte es zu Beginn heftig. Übergabeprozesse mussten sich erst etablieren, genauso wie die Tatsache, dass Homeoffice eher zur Ausnahme wird. Mit den neuen Strukturen hat Ballhaus West Mut bewiesen und gezeigt: Wir sind ein „good place to work“. Seit der Einführung der Viertagewoche habe es kaum Kündigungen gegeben, berichten die Gründer. Der Krankenstand sei zwar noch nicht wieder auf Vor-Corona-Niveau, aber kontinuierlich rückläufig. Auch wirtschaftlich sieht die Entwicklung gut aus. Zuletzt erzielte die Agentur nach eigenen Angaben ein Umsatzplus von knapp 20 Prozent bei einem überdurchschnittlich hohen Pro-Kopf-Umsatz. Doch der wohl schönste Beleg dafür, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hat, dürften Sätze von Kollegen und Kolleginnen wie dieser hier sein: „Ihr habt mein Leben verändert.“
